Ab welcher Anzahl Bäume macht ein digitales Baumkataster Sinn?
In der Praxis lässt sich die Sinnhaftigkeit eines digitalen Baumkatasters weniger an einer fixen Mindestanzahl festmachen, als vielmehr an der Notwendigkeit, Baumkontrollen und Pflegemassnahmen nachvollziehbar zu dokumentieren sowie Verkehrssicherheit, Planung und Budgetierung sicherzustellen. Ein digitales Baumkataster bringt deshalb bereits bei einer kleineren Anzahl Bäume einen klaren Mehrwert.
Wie sieht dieser Mehrwert konkret aus?
Ein Baumkataster ermöglicht die nachvollziehbare Absicherung durch dokumentierte Baumkontrollen und Pflegemassnahmen, die gerade auch hinsichtlich der neuen Schweizer Baumkontrollrichtlinie, die Anfang Jahr in Kraft getreten ist, von Bedeutung ist.
Was fordert die Richtlinie?
Sie definiert einheitliche fachliche und rechtliche Standards für die Kontrolle von Bäumen im Hinblick auf die Verkehrssicherheit. Die Richtlinie legt konkret fest, wie, wie oft und durch wen Kontrollen durchzuführen und zu dokumentieren sind.
Was insbesondere aus rechtlicher Sicht relevant ist?
Ja, genau. Die Richtlinie stellt klar, dass Bäume regelmässig kontrolliert werden müssen, um die Anforderungen der Verkehrssicherungspflicht zu erfüllen. Durch die Dokumentation lässt sich nachweisen, dass Kontrollen stattgefunden haben und fachlich korrekt waren. Die erforderliche Dokumentation kann im Streitfall als Beweismittel verwendet werden. Da sich die Haftung bei Baumversagen in der Schweiz auf Art.41 und 58 OR sowie Art.679 ZGB stützt, dient ein Baumkataster somit als nachvollziehbarer Sorgfaltsnachweis und reduziert das Haftungsrisiko.
Was leistet ein Baumkataster sonst noch?
Ein Baumkataster ermöglicht ein systematisches Monitoring des Baumbestandes. Es schafft die Grundlage für eine Erfolgskontrolle von Vitalität, Zustand und Zu- oder Abnahme des Bestandes und unterstützt damit eine strategische Steuerung, um den Baumbestand durch gezielte Massnahmen in die gewünschte Richtung zu entwickeln.
Also beispielsweise auch im Hinblick auf den Klimawandel?
Ja, das Ziel der klimaangepassten Siedlungsentwicklung ist es ja, Siedlungsräume durch mehr Grün und insbesondere durch gesunde, standortgerechte Bäume widerstandsfähiger gegenüber Hitze, Trockenheit und Starkregen zu machen. Siedlungsbäume tragen wesentlich zur Abkühlung, zur Wasserrückhaltung, zur Luftqualität und zur Biodiversität bei. Durch gezielte Pflanzung, Pflege und den Erhalt von Bäumen wird die Lebensqualität gesteigert und gleichzeitig die Folgen der Klimaveränderung und der zunehmenden Verdichtung gemildert.
Wie aufwändig ist der Aufbau eines Baumkatasters?
Das ist stark vom Kundenbedürfnis abhängig. Insbesondere für Gemeinden werden Baumkataster häufig als individuelle, auf die Gemeindestruktur abgestimmte Lösungen aufgebaut, was den Initialaufwand erhöht. Für Immobilienverwaltungen oder private Eigentümer können oft standardisierte Systeme eingesetzt werden. Der grösste Aufwand liegt jedoch nicht in der Softwarebereitstellung, sondern in der Ersterfassung des Baumbestandes, die in der Regel mit einer Baumkontrolle kombiniert wird. Je nach Standort, Alter und Zustand des Bestandes können pro Arbeitstag etwa 40 bis 80 Bäume erfasst und kontrolliert werden.
Welche Parameter werden konkret aufgezeichnet?
Es werden typischerweise Daten in drei Kategorien erfasst: Grunddaten, Kontrolldaten und Baumpflegemassnahmen. Zu den Grunddaten gehören unter anderem Baumart, Massangaben (z.B. Höhe, Stammdurchmesser), Adresse bzw. Standort und Pflanzjahr. Bei den Kontrolldaten werden Informationen zu Zustand, Vitalität, Schadsymptomen, Verkehrssicherheit und dem nächsten Kontrollintervall erfasst. Bei den Baumpflegemassnahmen werden notwendige Massnahmen mit Zeitfenstern bzw. Ausführungsfristen hinterlegt. Bei allen Einträgen werden zudem Datum und Name der kontrollierenden Fachperson erfasst.
Wobei die Grunddaten nur bei der Ersterfassung fällig werden.
Die Grunddaten müssen in grösseren Abständen aktualisiert werden, während die Kontrolldaten abhängig vom Kontrollintervall fortlaufend ergänzt werden. Gemäss Schweizer Baumkontrollrichtlinie variiert dieses Intervall je nach Standort, Alter und Zustand des Baumes zwischen einem und fünf Jahren, wobei bei Jungbäumen keine gesonderte Regelkontrolle vorgesehen ist.
Worauf ist zu achten, wenn man ein entsprechendes Tool einführen will und mit welchen Kosten ist ungefähr zu rechnen?
Wichtig ist eine Lösung zu wählen, die zu den eigenen Anforderungen passt. Deshalb macht es Sinn, sich von einer Fachperson beraten zu lassen, insbesondere hinsichtlich Datenstruktur, Import- und Exportfunktionen sowie einer allfällig gewünschten Erweiterbarkeit. Für das Tool selbst gibt es sehr kostengünstige Lösungen, beispielsweise ein Baumkataster auf Basis der Open-Source-GIS-Software QGIS. Als praxisnahes Kostenbeispiel kann für die Erstellung eines Baumkatasters für etwa 70 Bäume auf dieser Basis mit rund 3000 Franken für die Ersterfassung gerechnet werden. Je grösser der Baumbestand ist, desto tiefer fallen in der Regel die Kosten pro Baum aus.
Der Experte Matthias Nussbaumer
ist Geschäftsinhaber der Nussbaumer Baumberatung. Sein Leistungsspektrum umfasst die fachliche Begleitung ökologischer und branchenübergreifender Projekte, die Erstellung von Gutachten, Baumkatastern, Wertberechnungen und Schadenexpertisen sowie den Baumschutz auf Baustellen. Weitere Schwerpunkte sind Fragestellungen des Nachbarrechts, Aus- und Weiterbildungsangebote sowie Fachvorträge.
Schweizer Baumkontrollrichtlinie
(gültig seit 1. Januar 2026)
Die erste Richtlinie für Baumkontrollen in Bezug auf die Verkehrssicherheit der Schweiz enthält Empfehlungen für Kontrollen von Bäumen, die aus Gründen der Verkehrssicherheit vorgenommen werden. Im Fokus des Dokumentes stehen Bäume auf öffentlichem Grund sowie Bäume, die an öffentlichen Grund angrenzen (z.B. entlang einer Strasse). Zusätzlich bietet es auch Hilfestellungen für Bäume auf privatem Grund.
Erarbeitet wurde die Schweizer Baumkontrollrichtlinie durch die Branchenverbände Bund Schweizer Baumpflege BSB, JardinSuisse und die Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter VSSG.
Die Richtlinie ist digital als personalisiertes PDF zum Preis von CHF 45.00 exkl. Mwst. erhältlich. Die Bestellung erfolgt per E-Mail an galabau@jardinsuisse.ch.