Autobahnböschungen tragen zur Verkehrssicherheit bei, indem sie freie Sicht auf die Fahrbahn gewährleisten, Verkehrszeichen freihalten und die Entwässerung der Strasse unterstützen. Bislang wurden sie primär funktional und kostengünstig unterhalten. In den letzten Jahren wird ihr ökologisches Potenzial nun zunehmend erkannt: Die meist grossflächigen, extensiv gepflegten Grünstreifen verbinden isolierte Lebensräume und überschreiten Landesgrenzen. Mit einer ökologisch angepassten Pflege könnten sie einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Biodiversität und zur Biotopvernetzung leisten.
Genau diesem Ziel widmet sich ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Nateco, das seit 2022 läuft. Auftraggeber sind das Schweizer Bundesamt für Strassen (ASTRA), die deutsche Bundesanstalt für Strassenwesen (BASt),
die österreichische ASFINAG sowie das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK). Alle vier Partner suchen nach praxistauglichen Lösungen für eine biodiversitätsfreundlichere Pflege von Mähflächen entlang von Autobahnen.
Effizienz und Sicherheit sind wichtig
«Artenreiche Wiesen lassen sich am besten mit dem Balkenmäher pflegen», erklärt Lukas Bollack, Projektleiter bei Nateco und verantwortlich für das länderübergreifende Projekt. «Dabei wird das Schnittgut getrocknet und in einem zweiten Schritt entfernt.» Entlang von Autobahnen ist dieses Verfahren jedoch meist nicht umsetzbar: Aus Sicherheitsgründen und wegen knapper Budgets müssen die Arbeiten hier schnell und effizient erfolgen. Zum Einsatz kommen daher meist Trägerfahrzeuge wie Unimogs mit Auslegearmen, die die Vegetation mulchen. «Das Schnittgut bleibt in der Regel liegen», so Lukas Bollack weiter. «Ein zweiter Durchgang zum Absaugen würde nicht nur den Aufwand erhöhen, sondern auch zusätzliche Risiken wie verwehtes Schnittgut auf der Fahrbahn mit sich bringen.»
Das Problem: Beim Mulchen sterben unzählige Kleintiere wie Insekten, Spinnen oder Eidechsen. Zudem fördert die Mulchschicht nährstoffliebende Arten, während konkurrenzschwache, seltene Pflanzen verdrängt werden. Die Folge ist ein schleichender Verlust der Artenvielfalt. «So entstand die Idee, schonendere Mähköpfe zu testen», sagt Lukas Bollack. «Ziel war es, Tierverluste zu reduzieren und trotzdem effizient zu bleiben, das Schnittgut abzusaugen, die Samen aber auf der Fläche zu belassen.» Entsprechende Mähköpfe wurden von Herstellern wie Mulag, Dücker, Herder, N.U.P. GmbH und der Urs Schmid AG entwickelt. Sie lassen sich an bestehende Trägerfahrzeuge montieren und wurden im Projekt daraufhin geprüft, ob sich die Technik ohne wesentliche Mehrkosten in den laufenden Betrieb integrieren lässt.
Hoher Aufwand, geringe Vergleichbarkeit
«Wir mussten jedoch feststellen, dass solche Tests in der Praxis zu aufwändig sind», sagt Lukas Bollack. Die getesteten Geräte sind teils erst seit drei, vier Jahren im Einsatz oder noch gar nicht serienreif. Die grösste Hürde: Für belastbare Aussagen braucht es standardisierte Testmethoden, die unabhängig von Zeit und Ort vergleichbare Ergebnisse liefern. Doch genau das ist kaum möglich. «Sowohl Anzahl als auch Zusammensetzung von Insekten und Pflanzensamen schwanken je nach Standort und Jahreszeit erheblich», erklärt Umweltingenieur Lukas Bollack. «Direkte Messungen von Tier- oder Samenverlusten sind daher keine verlässliche Grundlage für einen objektiven Vergleich der Systeme.»
Das Projektteam setzte deshalb auf zwei vereinfachte, aber vergleichbare Methoden: Zum einen werden künstliche Insektenattrappen aus Wachs verwendet, die echten Insekten in Form und Grösse ähneln. Sie werden vor dem Mähen am Boden und in der Vegetation ausgelegt und anschliessend gezählt. Zum anderen werden eingefärbte Pflanzensamen in die Fläche gestreut, um festzustellen, wie viele davon nach dem Mähen noch vorhanden sind. «So können verschiedene Mähsysteme unter kontrollierten Bedingungen objektiv verglichen werden.»
Die Testreihen mit Wachsattrappen laufen derzeit parallel zu den Versuchen mit echten Insekten – mit vielversprechenden Ergebnissen. Erste statistische Auswertungen zeigen, dass die künstlichen Attrappen vergleichbare Ergebnisse liefern. «Unser Ziel ist es, noch in diesem Jahr verschiedene Mähsysteme unter diesen standardisierten Bedingungen zu testen», sagt Lukas Bollack. «Die Methode hat den grossen Vorteil, dass neue Geräte künftig nach den gleichen Kriterien beurteilt werden können, unabhängig davon, wann sie auf den Markt kommen.»
Vieles bleibt unklar
Gleichzeitig bleiben viele Fragen offen. Unklar ist zum Beispiel, wie sich Mähverluste langfristig auswirken, und ob es einen Unterschied macht, ob 50 oder 80 Prozent der Tiere getötet werden. Dies wäre ein nächster Untersuchungsschritt. Auch die Einordnung im Vergleich zu anderen Pflegemassnahmen steht noch aus: Wie wirkt sich zum Beispiel eine Anpassung des Mähregimes aus – etwa mit späteren Mähterminen ab Mitte Juli oder dem Stehenlassen von Altgrasstreifen? Möglicherweise haben solche Anpassungen einen grösseren Einfluss auf die Biodiversität als das eingesetzte Mähgerät selbst. Auch diese Abgrenzung gezielt zu untersuchen, wird ein Thema sein.
Eine weitere Herausforderung ist die Bewertung sogenannter Insektenscheuchen, also Vorrichtungen wie Zinkenleisten oder Planen, die vor den Mähkopf montiert werden und Kleintiere aufscheuchen sollen, bevor sie mit dem Gerät in Kontakt kommen. Mehrere Hersteller bieten solche Lösungen an. «Die Wirksamkeit lässt sich im Rahmen unseres Projekts aber nicht zuverlässig überprüfen, da nicht nachvollziehbar ist, ob ein Tier entkommen ist oder getötet wurde», sagt Lukas Bollack. Auch die wissenschaftliche Datenlage ist dünn. Entsprechend zurückhaltend fällt Lukas Bollacks Fazit aus: «Stand heute würde ich sagen: Es reicht nicht aus, einen Insektenscheucher vor einen bestehenden Mäher zu montieren. Es braucht weitere Schutzmassnahmen.»
Die Hersteller selbst zeigen grosses Interesse an praxistauglichen und ökologisch sinnvollen Lösungen. Einige investieren in die Forschung, nicht nur, um die Wirksamkeit ihrer Produkte zu belegen, sondern aus echtem Interesse an einer umweltfreundlicheren Technik. «Aber sie sind Maschinenbauer und keine Biologen und genau darin liegt die Herausforderung.» Umso wichtiger sei es, dass die Forschung verlässliche Grundlagen schafft. «Unsere Aufgabe ist es, objektive Ergebnisse zu liefern, die den Herstellern helfen, ihre Technik gezielt weiterzuentwickeln.»
www.nateco.ch
Der Experte Lukas Bollack
ist Umweltingenieur und Geoinformatiker und Mitglied eines zehnköpfigen
Teams bei der Nateco AG in Gelterkinden.
Das Unternehmen entwickelt Pflegekonzepte, kartiert Grünflächen als Basis
für GIS-Datenbanken und erstellt digitale
Unterhaltslösungen insbesondere für
Strassenbegleitgrün. Für Auftraggeber wie das ASTRA entstehen Richtlinien zur
biodiversitätswirksamen Pflege, etwa mit dem Ziel, 20 Prozent der Flächen ökologisch aufzuwerten. Kunden sind auch Kantone, Gemeinden und Liegenschaftsverwaltungen.
Mulag
Eco 1200 (ohne Absaugung von Schnittgut): Der Mulag Grünpflegekopf Eco 1200 wurde für die nachhaltige Pflege von Strassenbegleitgrün entwickelt und ist für Auslegersysteme ohne Mähgutaufnahme konzipiert. Sein Scheibenmähprinzip mit horizontalem, freiem Schnitt arbeitet ohne Sogwirkung und schont Insekten und Kleintiere. Eine Abstreifvorrichtung scheucht höher sitzende Tiere auf und verteilt Blütensamen am Boden. Luftführung und abgeschottete Schneidebene verhindern das unbeabsichtigte Erfassen der Tiere. Die Schnitthöhe von 10 bis 15 Zentimetern sowie Tastrollen mit minimalem Bodenkontakt schützen Lebensräume am Boden. Der Eco 1200 ist eine ökologische Alternative zu Schlegelmulchköpfen, sowohl im intensiven als auch im extensiven Einsatz.
Mulag
Eco 1200 Plus (mit Absaugung von Mähgut): Der Mulag Grünpflegekopf Eco 1200 plus kombiniert das Scheibenmähprinzip vom Eco 1200 und ergänzt es mit einer Mähgutaufnahme. Das Schnittgut wird direkt aufgenommen, sodass bodennahe Tiere nicht bedeckt und magere, artenreiche Flächen gefördert werden. Ein Luftstrom von oben und ein geschlossener Gehäuseboden verhindern das Einsaugen von Lebewesen. Eine Abstreifvorrichtung scheucht hochsitzende Tiere auf und verteilt Blütensamen am Boden. Die Schnitthöhe ab zehn Zentimetern und Tastrollen mit geringem Bodenkontakt schonen den Lebensraum am Boden. Der Eco 1200 plus ermöglicht so ökologische Pflege und Mähgutbeseitigung in einem Arbeitsgang.
Urs Schmid AG
OsziMower: Der OsziMower ist ein schonender Böschungsmäher mit Doppelmesser-Mähwerk, das Grasnarbe, Bodenstruktur und Kleinstlebewesen schützt. Durch die räumliche Trennung von Mähwerk und Absaugung, unterstützt von Zubringer- und Wegführwalzen, entsteht keine direkte Saugwirkung am Boden, Samen und Tiere bleiben unversehrt. Die Walzen sichern den reibungslosen Guttransport und verhindern Verstopfungen. Der obenliegende Messerantrieb spart Platz, der geringe Anpressdruck schont die Fläche, und auch trockenes oder strohiges Mähgut wird effizient verarbeitet. Er ist an nahezu alle Trägerfahrzeuge anbaubar und erreicht Mähgeschwindigkeiten, die mit Mulchsystemen vergleichbar sind.
N.U.P. GmbH
GretaMower: Der GretaMower ist ein Mähgerät mit Messerbalken, das eine stufenlose Schnitthöhenanpassung bis 20 Zentimeter ermöglicht. Die Bodenführung erfolgt über präzise Tastrollen und verzichtet auf Saugwirkung, um bodennahe Lebewesen zu schonen. Ein integrierter Insektenvorhang scheucht Insekten und Kleintiere vor dem Schnitt auf und trägt damit zum Schutz der Biodiversität bei. Das Einzugs- und Trennsystem ist flexibel auf die Mähsituation anpassbar und unterstützt einen gleichmässigen Grasfluss. Der Messerwechsel erfolgt werkzeuglos innerhalb von fünf Minuten. Der GretaMower eignet sich für eine umweltschonende und effiziente Pflege verschiedener Grünflächen.
Dücker
VMS 1200 Öko (ohne Absaugung von Schnittgut): Der VMS 1200 Öko wurde für den Einsatz in der ökologischen Strassenunterhaltung konzipiert. Spezialmesser mit reduzierter Sogwirkung sowie eine Schnitthöhe bis 15 Zentimetern schützen am Boden lebende Tiere. Ein frontseitig montierter Öko-Striegel scheucht Insekten vor dem Mähvorgang auf, während eine mechanische Anfahrsicherung Hindernissen ausweicht. Die Tastrolle sorgt für minimalen Bodendruck und bewahrt empfindliche Lebensräume vor Schäden. Der platzsparende Zahnriemenantrieb, die wartungsfreien Lagerungen und die wechselbare Verschleisseinlage tragen zur langlebigen und wartungsarmen Ausführung des Mähkopfs bei und unterstützen seinen Einsatz in der naturnahen Grünpflege.
Dücker
SGG 1200 (mit Absaugung von Schnittgut): Das Schneid-Greif-Gerät (SGG) wird zum Ausmagern von Grünflächen und Banketten eingesetzt und vereint insektenschonendes Mähen mit Doppelmessermähwerk und Schnittgutaufnahme in einem Arbeitsgang. Das Material wird über Förderarme in einen offenen Leitkorridor und per Wurfförderer in einen Heckbehälter transportiert – ganz ohne Sogwirkung. So bleiben Insekten geschützt und magere, artenreiche Flächen erhalten. Die Frontmontage ermöglicht freie Sicht, der Heckbereich bleibt für den Sammelbehälter nutzbar und eine Einmannbedienung ist möglich.
Herder NL / Vertrieb Schweiz: Urs Schmid AG
Ecochopper (mit und ohne Absaugung): Der Ecochopper ist ein Scheibenmähwerk mit integriertem Häckselwerk, der ohne Saugwirkung arbeiten kann und damit Flora, Fauna und Samen schont. Im Standardbetrieb bleibt das Schnittgut zur Förderung artenreicher Vegetation liegen. Bei Bedarf kann es mit einer Saugeinheit aufgenommen und abtransportiert werden, ideal zur Verwertung als Kompost, Biogas oder Wasserstoff. Eine Nachlaufwalze mit minimalem Bodenkontakt schützt bodennahe Tiere und ein optionaler Duftvorhang hält Insekten auf Distanz. Der Ecochopper
ist energieeffizient und eignet sich besonders für die nachhaltige Pflege von Randstreifen in sensiblen Bereich. Die Mäheinheiten sind einzeln geschmiert, so dass auch ein Einsatz mit grossen Schräglagen problemlos möglich ist.